Tony Cragg

Wie tief ist die Oberfläche?

Da war die Überraschung perfekt. Nach über 27 Jahren holte Tony Cragg in Duisburg „Riot" wieder aus der Verpackungskiste. Der kunterbunte, über fünfzehn Meter lange Figurenfries aus Plastikabfall aus dem Jahr 1987 passte zur brisanten politischen Umsturzsituation in Nordafrika und Arabien, als sei der betont zurückhaltende Kunstprofessor Cragg ein wahrhaft politischer Künstler. Zufall oder „Emergenz von Energie", wie Kollege und Kurator Siegfried Gohr als Zauberformel für das breite, verzweigte, auswuchernde Werk Craggs formulierte?

 

„Emergenz" - ein Begriff der neueren englischen Philosophie - hat mindestens zwei Bedeutungen:
1. höhere Seinsstufen entstehen durch neu auftauchende Qualitäten aus niederen.
2. Auswuchs einer Pflanze, an dessen Aufbau nicht nur die Epidermis, sondern auch tiefer liegende Gewebe beteiligt sind (z.B. Dornen einer Rose).


Was aber ist demzufolge die Emergenz von Energie?
Auf gänzliche andere Weise bringt Gohr das bildhauerische Werk Craggs auf die nicht minder aktuelle Formel vom „Energiespeicher": Die Steigerung der Vielschichtigkeit habe zur Folge, dass die Werke nicht mehr so wirkten, als ab sie „ihre Energie in den Raum versprühen wollten, sondern als ob sie wie Speicher verstanden werden sollten, die dem Betrachter einen höheren Einsatz von Aufmerksamkeit zumuten."

 

 

Tony Cragg im Treppenhaus von MKM Museum Küppersmühle

 

Schon hat man Cragg als „Meister der Oberflächen" gelobt. Gegen solche Zumutung aber verwahrt sich der Bildhauer, unterstellt sie doch, er strebe formal ästhetischen Lösungen zu, ohne die zeitgemäßen inhaltlichen Fragen zu stellen. Vor allem praktiziert Cragg ein Denken im Material. - Es ist ein bildhauerisches Denken, ohne die Materie zu verleugnen oder auch nur gering zu schätzen. Was Cragg einmal als das „innere Spiel" bezeichnete, deutet, bei aller feinen Ironie, bei aller Tragik und allem Witz, auf etwas Humanes hin.

 

Tony Cragg im Treppenhaus von MKM Museum Küppersmühle

 

Tony Cragg, 1949 in Liverpool geboren, ist eine Doppelbegabung - als Künstler und als Kunstprofessor. Während er noch Mitte der siebziger Jahre am Londoner Royal College of Art studierte, wurde er Professor in Metz. Seit 35 Jahren ist er ununterbrochen Kunstprofessor, seit gut einem Jahr zudem Rektor der Kunstakademie in Düsseldorf. Auch hier hat er die Gabe der Emergenz bereits unter Beweis gestellt. Nach der Berufung von sieben neuen Professoren, hat die Düsseldorfer Akademie wieder gehörig Auftrieb erfahren.

 

© Photographien 2011: Astrid Piethan

 

 

eiskellerberg.tv fragte die Doppelbegabung Cragg nach dem Zusammenhang der Energien:

 

13.04.2011 10:36 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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