Ein glücklicher Künstler

Glück als Konzept und Anspruch: Abraham David Christian

Glück ist keine Kategorie der Kunst. Glück ist zudem eine flüchtige, brüchige Angelegenheit, eine lebenslange, oftmals vergebliche Suchaufgabe, weder messbar noch objektivierbar, kein Ding an sich, zum Persönlichen gehörig, eher subjektive Einschätzung und launische Stimmung. Es gehört, sagt man, ein besonderes Talent zum Glück. Seit wann aber wäre Glück ein Maßstab für Kunst? Und was, bitte, wäre ein glücklicher Künstler?

 

„Ich nehme heute als Bildhauer eine eher randständige, exzentrische Position ein,” schätzt Abraham David Christian im Gespräch (mit Peter Iden), um anzufügen „Das ist für mich aber ganz normal - ich bin durchaus glücklich damit. Und ich bin überzeugt, dass es das Allerwichtigste im Leben ist, ein glücklicher Mensch zu sein.” Wie das?

 

„Er hat sehr entschieden ein Leben gelebt”, sagt ADC bewundernd über eines seiner großen Bildhauervorbilder, Alberto Giacometti. „Für jede künstlerische Arbeit ist das von großer Bedeutung.” - Und da wäre sie wieder diese penetrante Vermischung von Künstler und Privatperson, von Kunst und Leben. Nur der glückliche Künstler wäre demnach ein guter Künstler? Und was sollte das sein: ein geglücktes Kunstwerk? ADC hat sich früh auf den Weg gemacht, ins Bergell zu Giacometti, nach Florenz und Indien, nach New York zu Andy Warhol wie zu Eduardo Chillida ins Spanische Baskenland. Harry Szeemann lud ihn 1972 zur documenta d5 nach Kassel ein, da war er gerade mal neunzehn. Zum Abschluß forderte er seinen Lehrer Joseph Beuys im Fridericianum zum „Boxkampf für direkte Demokratie durch Volksabstimmung” heraus. Beuys gewann nach Punkten.

 

„Ich habe erkunden wollen, wie das Werk und die Person übereinstimmen, und zwar in Hinsicht auf eine dritte Größe: Die Wahrheit. Das interessiert mich bis heute!”

 

Bis heute ist ADC gut unterwegs. Er ist hier und dort und überall. Lebt und arbeitet abwechselnd in mindestens drei Orten, besitzt ein Apartment in Upper Manhattan, eine Wohnung in der flachen Düsseldorfer Innenstadt und ein Holzhaus im japanischen Hayama am Fuß des Fuji. Wer also wüsste es besser als der Künstler ADC selbst, daß solch eine ubiquitäre Randexistenz hart an der Abbruchkante lebt: überall und nirgends.

 

Wie schafft es einer bei soviel Ortswechsel und Dauerunterwegssein, bei derart haarsträubenden Widersprüchen und kulturellen Blitzgüssen überhaupt an „Wahrheit” zu glauben und an so etwas wie am eigenen „Glück” zu arbeiten? Er hat das Spiel mit dem Paradoxen auf existentielle Höhen getrieben, perfektioniert und ist dabei zum Prototyp eines Nomadenkünstler geworden, der auf mehreren Kontinenten und Kulturen und in mehreren Jahrhunderten gleichzeitig lebt, wie etwa Nam June Paik und Peter Doig. Aber das Paradoxe ist bei ADC keine Attitüde und keine Flucht vor der Wirklichkeit. Auf der Suche nach den Grundformen der Weltgestalt haben Größen wie Harmonie, Heilung und Schönheit eine neue Wertschätzung erhalten. Alles Aufgeregte, Spektakuläre und auffällig Besondere ist ihm suspekt. Unprätentiös und zeitlos erscheinen seine sparsamen Skulpturen. „Darum würde ich es gerne haben, wenn man, so paradox das klingt, das Äußere meiner Skulpturen vergisst, davon absieht - um vorzudringen zu dem Kern, der nicht sichtbar ist.”

 

„Alle großen Menschen, die ich getroffen habe, waren sehr einfach und angenehm im Umgang mit mir,” ermutigte er uns, als wir den durchaus erstaunlichen Abraham David Christian zum Gespräch auf dem eiskellerberg trafen. Vielen Dank für das angenehme Gespräch.

 

C. F. Schöer

 

 


Biographische Notiz

Abraham David Christian, geb. 1952 in Düsseldorf

 

Selten dürfte einem Kinde mit seinem Namen … so eindeutig der Lebensweg vorgezeichnet worden sein wie Abraham David Christian. Angerufen, beschworen werden im Namen der Urvater, der Sängerkönig und der Heilsbringer unserer jüdisch-christlichen-moslemischen Traditionen. Archetypik und Poesie und Heilskunde gleichermaßen auszubilden durch Gestaltung, d.h. durch die parallele Aktivität von Hirn und Hand, war und ist die Arbeitsmaxime des Künstlers Abraham David Christian wie eigentlich aller Künstler, Wissenschaftler, Architekten, Poeten, Musiker, die schöpferisch sein wollen - die also sich selbst, geschweige denn Dritte, mit ihren Arbeitsresultaten überraschen können: „Was ist denn das, was könnte es sein? Das soll ich gemacht haben, obwohl ich es weder wusste noch wollte - unglaublich!


In der arbeitsprogrammatischen Namensgebung Abraham David Christian steht nicht nur systematisch, sondern auch kultur-historisch Abraham für die Begründung des Begreifens durch gestaltendes Greifen für die grundlegende Orientierung auf erste/letzte Urformen: der Klotz, der Stapel, der Krater, der Stab, die Treppe, die Grenzlinie, die Umfreidung. Die ausgeprägtesten Varianten dieser Formen, ihre Verknüpfungen in der Geschichte des menschlichen Gestaltens sind etwa: die Pyramide, die Stupa, der Kreisel, der Obelisk, das Haus, die Pagode, der Turm, das Bollwerk und alle Varianten der Entgrenzung/Ausgrenzung, der eingefriedeten Bezirke als Tempel, Heiligtümer, Museen. Der Name des König David verweist auf die ständige Variation der grundlegenden Formen durch Idealisierung (Geometrie), durch Realisierungsbedingungen wie Grund und Boden, Klima, Materialbeschaffenheit und Logiken der technischen Verfahren und vor allem durch die Verbindung vieler Urformen oder gestalterischen Letztbegründungen etwa im Siedlungsbau oder in der Gestaltung als Waffe oder Herrschaftsrepräsentanz in religiösen Riten oder Formen der Feste. Das eben kennzeichnet die Poesie Davids, dass sie die Letztbegründungen der Gestaltbegriffe ansprechbar, d.h. kommunizierbar werden lässt!
Also: Abraham, der Kulturgründer und Religionsstifter, verweist vorbildlich durch sein Bespiel auf die allen Mitlebenden unhintergehbaren Grundlagen jeglichen Begreifens durch gestaltendes Ergreifen der Weltbestände; König David besingt, rühmt, feiert die verlässliche Archétypik in poetischen Varianten ihrer Beschreibung und des Erkennens in leibender Zuneigung zu allem Lebensgrund: den ewigen, unsterblichen Formen, d.h. den Ordnungen, Zuordnungen, die wir als Gesetzte des Weltlaufs verstehen.

 

Auf welches Ziel verweisen aber die Gründungen Abrahams, die poetischen, feiernden Varianten Davids? Das Ziel ist im Familiennamen Christian angesprochen. Die Erkenntnis der Urformen aller Erscheinungen der Welt, der Weltgrund der Formen, der Gestaltbegriffe, der Ideen - besungen in der beschwörenden Feier und ansprechbar geworden in der poetischen Umschreibung, den Wiederholungen als Weg zu neuen Varianten, Kombinationen, Konstellationen eröffnen dem sterblichen Menschen Zugang zur Kraft der Zustimmung!
Im künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeiten erfüllt sie sich in dem Augenblick, in dem eine Arbeit als gelungen akzeptiert werden kann: wenn etwa Beendetes als vollendet Zustimmung findet. In der Medizin ist es das gelingen der Heilung mit Methoden und Ritualen, die man als heilsam erfahren hat. Heilung verweist auf das Heil der gesicherten Lebensumstände, der gesteigerten Erkenntnisfähigkeit durch Produktivität/Kreativität.

 

Sein Heil sucht man in der gestaltenden Arbeit, die Zustimmung zu sich selbst ermöglicht, wenn man sich als jemand erfährt, dem etwas gelungen ist. Das Heil der Welt erfährt man in der Heilung der Formen, Gestalten, Begriffe, Ideen, denen man sich und das eigenen Leben verpflichtet! Gottesdienst ist also Formendienst, der im Ritus die Vermittlung von Gestalten der Körper mit den Begriffen des Geistes erreicht, erreichen sollte. Menschendienst ist also Museumsdienst, Dienst an der Wahrnehmung des gemeinsamen (der „arché”) und des individuellen im Formgestalten und Begriffsgebrauch. Wem das gelungen ist, der bekundet seine „abschiedsbereite Vitalität” im etruskischen Lächeln, im Lächeln der Weisen, die zur Welt und ihrer heiligsten Stunde des Todes, also zum eigenen Ende Ja sagen können (wie Christus einverstanden sein konnte mit seinem Tod) in der Gewissheit, dass jedes erneute Beginnen die Vorwegnahme des Endes voraussetzt. Wer einen Stuhl bauen will, muß das Ende des Werkes, den fertigen Stuhl, vorweg wissen, um sinnvoll die Arbeit zu beginnen!

 

Bazon Brock

 

in: Abraham David Christian, The Way/Der Weg, MKM- Ausstellungskatalog, Duisburg 2010

 

21.06.2011 11:28 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

Zurück

Einen Kommentar schreiben