Casinokunst | Die Fälscher und ihre Bande

Das Epizentrum liegt bei Lempertz in Köln

Noch schweigen die drei Festgenommenen. Kein Geständnis aus dem Lager Beltracchi in Sicht. Das Kunstkommissariat des LKA Berlin und die Staatsanwaltschaft Köln, die mit dem größten Kunstfälscherskandal der letzten Jahrzehnte beschäftigt sind, halten sich bedeckt. Die Ermittlungen laufen, die Spekulationen schießen ins Kraut und das Publikum hält den Atem an.

 

Es wird überhaupt reichlich viel geschwiegen in diesem Fall. Alle wissen, da tut sich ein Abgrund auf, wo man ihn am meisten befürchten musste, aber traditionsbewusst und immer galant zu überdecken wusste: im Casino Kunst. Vieles steht auf dem Spiel, viel Ehr, viel Geld. Im Kern aber geht es um die Bank, den guten Ruf der Branche. Wie “genial” die Fälscher auch immer vorgingen, wie geschickt sie ihre Fälschungen auch in den Markt schleusten, mit welchen skrupellosen Methoden sie auch operierten, eines tritt immer deutlicher zu Tage: Ohne Mittun, ohne Deckung und ohne die kriminelle Energie einiger prominenter Vertreter der international vernetzten Kunstlobby wäre es zu diesem Fall gar nicht gekommen. So hat dieser “Skandal” mindestens zwei Gesichter. Eines gehört den Tätern, die die Bilder - aktuell ist ihre Zahl auf 36 gestiegen - fälschten und in den Handel schleusten. Ein anderes gehört den Opfern, den Betrogenen und Blamierten zumal, die für die Neuerwerbungen bereit waren, hohe Summen zu zahlen. Aber was ist mit den Auktionatoren, den Zwischenhändlern und den hochgeschätzten Experten, die sich heute so geschwind, wie selbstverständlich auf die Seite der Betrogenen stellen. Alles Opfer?

 

Das allerdings ist keine Frage, bei der es allein ums Renommé geht. Hier geht um die Berufsehre und um die Existenz. Denn wie die Dinge liegen, fordern die Geschädigten Schadensersatz. Das kann, wie im Falle des Kunsthauses Lempertz in Köln in die Millionen gehen. Vorausgesetzt dem Eigentümer des ältesten Deutschen Auktionshauses, Hendrik Hanstein, ist Fahrlässigkeit nachzuweisen. Mehrere Klagen sind bereits anhängig.

 

 

Köln ist das Epizentrum des Kunstfälscherskandals


Mehr und mehr stellt sich heraus, in welchem Maß Köln das Epizentrum des Skandals ist. Wo genau, lässt sich sogar einwandfrei nachvollziehen: Im Kunsthaus Lempertz am Kölner Neumarkt. Dort tauchte die vermeintliche “Sammlung Jägers” bereits 1995 erstmals auf. In Köln soll der bis dahin völlig unbekannte Großsammler Werner Jägers gelebt haben, zumindest sein Grab konnte auf dem Melaten Friedhof identifiziert werden. Im Umkreis von Köln lebten auch seine beiden Enkelinnen Helene und Jeanette. Helene und ihr Ehemann, der Künstler Wolfgang Beltracchi, sind derweil nach Freiburg verzogen. Alle drei sitzen seit Juni in Untersuchungshaft. Als das Trio noch harmonierte traten die Enkelinnen bei Hanstein in Erscheinung - sowohl als Käufer, sie sollen für mehrere hunderttausend Euro Kunst auf Lempertz-Auktionen ersteigert haben - als auch aus den reichen Beständen der großväterlichen Sammlung Werke eingeliefert haben. Wieviele es insgesamt waren, ist noch ungeklärt, zuerst in Köln und dann in Paris, London und wo immer sonst sich ein Sammler hinreißen lies.

 

1995 jedenfalls brachten sie ein Landschaftsbild von Hans Purrmann zum Neumarkt. Hanstein tat, was seine Pflicht ist und den Gepflogenheiten des Auktionärswesen entspricht: Er fragte den Nachlass von Purrmann, der sich professionell mit dem Werk des Malers beschäftigt. Auskunft der Nachlaßverwalter: das Gemälde ist eine Fälschung. Folglich kam das Bild auch nicht zur Auktion. Die Sammlung Werner Jägers stand schon 1995 kurz vor dem Auffliegen. Warum es dann doch ganz anders kam, ist eine Geschichte, die man nach den gefälschten Hitler-Tagebüchern und nach Stonk eigentlich nicht mehr für möglich hielt.

 

Vier Jahre später, 1999, trauten sich die Enkelinnen erneut ins Kunsthaus Lempertz, diesmal mit zwei Gemälden der Rheinischen Expressionisten Heinrich Nauen und Carlo Mense. Wieder bat Hanstein um ein Gutachten, diesmal bei Karla Drenker-Nagels, der Autorin von Monographie und Werkverzeichnis von Nauen und derzeitigen Direktorin des August-Macke-Hauses in Bonn. Drenker-Nagels befand beide Gemälde für echt. Also ging die Auktion in Köln über die Bühne. Inzwischen darf ihr Gutachten und ihr Werkverzeichnis stark angezweifelt werden. Warum dann Hanstein wiederum vier Jahre später kein Gutachten in Auftrag gab, als die Schwestern einen ungleich größeren Brocken, nämlich ein über acht Jahrzehnte verschollen geglaubtes Gemälde von Heinrich Campendonk, in sein Haus brachten, darüber darf mal scharf nachgedacht werden. Zweifel an der Provenienz aus einer unbekannten Kölner “Sammlung Jägers”, spielten da offenbar keine Rolle. Das Bild setzte Hanstein stolz auf den Titel des Auktionskatalogs und feierte nach der Versteigerung den 2,88 Millionen-Rekorderlös entsprechend frenetisch.

 

 

siehe auch: Neues vom Kunstfälscherskandal | Ekitettenschwindel zieht Kreise. Schon über 30 gefälschte Bilder aufgetaucht. Aufkleber bringen Aufklärer auf die Spur und den Kunsthandel in Erklärungsnot


Käuferin war die Trasteco Limited. Die ließ das teure Stück gleich durch ein naturwissenschaftliches Verfahren prüfen. Ergebnis: der Campendonk ist eine Fälschung. Woraufhin die Käuferin das Auktionshaus im September 2008 auf Rückzahlung des Kaufpreises sowie der Provision verklagte. Bis heute hat Hanstein weder Kaufpreis noch Provision zurückgezahlt. Erst nachdem die naturwissenschaftlichen Gutachten und die anwaltlichen Schreiben vorlagen, fragte Hanstein die Kölner Campendonk-Expertin Andrea Firmenich. Die wiederum bat Ralph Jentsch um seine gutachterliche Meinung über einen rückseitig angebrachten Aufkleber der “Sammlung Flechtheim”. Der hielt die Etiketten für baren Schwindel - und die Zweifel begannen sich zu mehren.

 

 

zu unserem Interview mit Ralph Jentsch

Ralph Jentsch forscht seit vielen Jahren weltweit nach dem Verbleib der verfemten Bilder, die während der Nazi-Zeit oder danach vernichtet wurden, oder in andere, unrechtmäßige Besitzerhände gelangten. Als Nachlaßverwalter von George Grosz (1893-1959), einem der zentralen und bedeutendsten Künstler der Weimarer Republik und prominenten Opfer der Nazi-Verfolgungen, wurde er zum weltweit angesehen Spezialisten der bis heute andauernden Auseinandersetzungen um die ”Beutekunst” und die Rückführung zu unrecht erworbener Kunstwerke. Früher selbst im Kunsthandel tätig, arbeitet Jentsch heute als Autor und Kurator. Folge der Flucht und des langen Exils ist, daß bis heute “in keinem Museum mehr als zwei Grosz-Bilder zusammen sind”, beklagt Jentsch. Seit Jahren betreibt er darum die Gründung eines ”George Grosz-Museums”, das seinen Sitz in Berlin nehmen soll.

Auch Alfred Flechtheim (1878-1937) wurde ins Exil gedrängt. Bis zu Hitlers Machtergreifung war er einer der bedeutendsten Kunsthändler in Deutschland und George Grosz einer der bedeutendsten Künstler seiner Galerien in Düsseldorf und Berlin. Die “Sammlung Flechtheim” umfasste mehrere hundert Werke des Impressionismus und Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit wie des Kritischen Realismus. Sie hat sich in alle Winde zerstreut. Jentsch ist dabei, sie zu rekonstruieren und die Werke, soweit überhaupt noch vorhanden, ausfindig zu machen.

Einblicke in den aktuellen “Fälscherskandal” erhielt Jentsch als er um eine gutachterliche Stellungnahme zu einem rückseitig montierten Aufkleber, einem Holzdruck mit der Aufschrift ”Sammlung Flechtheim” auf einem der fraglichen Bilder aus der “Sammlung Jägers” gebeten wurde. Jentsch hält den Aufkleber für “eine glatte Fälschung”. Mehr noch: Seine Arbeitshypothese, wonach alle Bilder gefälscht sind, die rückwärtig gefälschte Aufkleber diverser prominenter Sammlungen und Kunsthandlungen tragen, hält bis heute stand - entgegen zahlreicher Expertisen namhafter Kunsthistoriker.


Nicht so bei Hanstein. 2005 bekam er wieder Besuch von den Schwestern. Diesmal boten sie ihm ein Bild des Brücke-Malers Max Pechstein an, die “Seine mit Brücke und Frachtkähnen”. Warum Hanstein nun beharrlich darum verzichtete, die Pechstein-Expertin Dr. Aya Soika um ein Gutachten zu bitten, kann nur damit erklärt werden, dass er das Bild für die Auktion in seinem Haus retten wollte. So lud er Pechsteins Sohn, Max K. Pechstein nach Köln ein und zeigte dem betagten Herrn wohl auch das Bild. Am 31. Mai 2005 brachte es Hanstein tatsächlich zur Auktion. Schätzpreis 200 - 250.000 Euro. Überraschend fand sich an diesem Tag kein Käufer im Saal.


Fünf Jahre später wurde es bei Hanstein in Köln von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Erst 2008 hatte der Kölner Auktionator ein naturwissenschaftliches Gutachten beim Bornheimer Forschungslabor Erhard Jägers bestellt. Der fand heraus, dass die verwendete blaue Farbe erst 1938 von der BASF hergestellt worden war. Ein paar Jahrzehnte später, als das Datum auf dem Bild vorgab. Warum aber die Einladung an Sohn Pechstein? Nun Hanstein wollte sich - später - kein Versäumnis vorwerfen lassen, schon gar keine Fahrlässigkeit. Also bestellte er, wenn schon kein wissenschaftliches Gutachten, den Nachlass in leibhaftiger Person. Sein naturwissenschaftliches Gutachten bietet Erhard Jägers seit Jahren übrigens zum Standartpreis von 1.000 Euro an. So nah lag und so billig wäre sie zu haben, die Gewissheit.

 

 

Stichwort Expertise

Phthalozyhnin heißt ein syntethisches blaues Farbpigment, das die Firma BASF 1938/9 entwickelte und auf den Markt brachte. Im Verlauf der naturwissenschaftlich-chemischen Analyse des Forschungslabors von Dr. Erhard und Dr. Elisabeth Jägers in Bornheim konnte dieses Blaupigment im Bild von Max Pechstein “Seine mit Brücke und Frachtkähnen” nachgewiesen werden. Analysierte werden alle verwendeten Pigmente und Bindemittel. Das Pechstein-Bild wurde im Lempertz Katalog allerdings mit dem Enstehungsjahr 1908 angegeben. Da gab es Phthalozyhnin noch nicht.

 


 


Interview: C.F. Schröer
Video: Bastian Tebarth
Postproduktion: Thom de Bock

14.10.2011 12:41 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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