Alles me? Thomas Olbricht

Eine ganze Welt erschloß sich dem Fünfjährigen über die Briefmarken, die ihm sein Vater aus dem Vorstandsbüro der Wella AG mit ins Kinderzimmer brachte. Zur selben Zeit etwa begegnet sein Onkel, der Firmengründer Karl Ströher, in Darmstadt Joseph Beuys. Dessen Werk faszinierte den Industriellen spontan und er begann neben der amerikanischen Pop-Art Beuys zu sammeln, bis zu seinem Tod 1977. Thomas Olbricht hält den Briefmarken seit 58 Jahren die Treue, Spielzeugautos kamen hinzu und, ermuntert durch den kunstbessenen Onkel, eine der bedeutendsten Sammlungen internationaler zeitgenössischer Kunst.

 

 

Seit 15 Jahren widmet sich der Erbe und Arzt dem Aufbau einer Wunderkammer nach dem Vorbild der Kunst- Raritätenkabinette des 16. und 17. Jahrhunderts. „Das Schöne daran ist, dass das Thema unendlich ist”, findet Thomas Olbricht. „Es sind einmalige Objekte, die sich nicht reproduzieren lassen”. In der me-Collection in Berlin Mitte hat der Sammler mit Unterstützung des Münchner Kunstkammerexperten Georg Laue eine Wunderkammer als Dauereinrichtung wiedererstehen lassen. Hier tritt der Tod vielgestaltig auf. „Ich bin aber auch jemand, der das Leben liebt”, beharrt Olbricht.  Der große Rest der Kunsthalle steht wechselnden Ausstellungen zur Verfügung. Ein Versuchsfeld. Wo sich Thomas Olbricht im internationalen Ausstellungsbetrieb positionieren will, ist durchaus nicht klar. Er sucht die Kommunikation und scheut darum nicht den Konflikt. Bei aller Scheu und Bescheidenheit, ist er doch ehrgeizig genug, seine Entdeckungen einem großen Publikum vorstellen zu wollen.

 

 

eiskellerberg.tv traf Thomas Olbricht zweimal. In Essen, wo er wohnt und arbeitet und in seiner Berliner Wunderkammer. „Eigensinn”, will er sich nicht zu gute halten. Lieber seinen „kreativen Sinn”.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

alle Photographien: © 2010 Astrid Piethan

 

 

Fremde Früchte
Thomas Olbricht lässt Essen hängen und treibt “Passion Fruits” in Berlin

 

Am 26. Januar traf die Nachricht ein: Eröffnung in Berlin “me collectors room / Olbricht Collection”. Nur einen Tag später rief das neue Museum Folkwang zur Eröffnungspressekonferenz. Genau gezielt!

 

Was, bei allem Staunen über das “Wunder von Essen”, so jedenfalls Museumsdirektor Hartwig Fischer, vermisst wurde, war eine Sammlung zeitgenössischer Kunst, für die der 55 Millionen teure Neubau ja schließlich auch errichtet wurde. Diese Sammlung läßt sich allerdings gar nicht in Essen, sondern in Berlin bewundern. Das “Wunder von Essen” bloß heiße Luft? Oder eines aus der Serie “Wenn Museumsträume auf Wirklichkeit stoßen”?

 

Denn die Sammlung des Essener Industrieerbes, Arztes und Sammlers Thomas Olbricht geht dem Museum Folkwang glatt verloren. Die letzte Schau vor dem Umbau, “Rockers Island”, galt noch der Präsentation der Sammlung Olbricht (5. Mai bis 1. Juli 2007).

 

“Das Museum Folkwang gibt den verschiedenen Teilen der Sammlung Olbricht im gesamten Altbau breitesten Raum und ermöglicht die bislang umfangreichste Präsentation, die das weite Spektrum des Sammlers anschaulich macht”, hieß es damals. Tatsächlich ist Olbrichts Sammlerspektrum ähnlich weit, wie das des Museumspaten Karl-Ernst Osthaus. “Rockers Island”, konnte sich großzügig durch den gesamten Altbau des Museums in einer vom Sammler selbst konzipierten Präsentation entfalten.

 

Die zähen Verhandlungen mit der Essener Stadtspitze und der neuen Museumsleitung scheiterten und im Februar 2006 hatte Hartwig Fischer die Leitung von Hubertus Gassner (der an die Hamburger Kunsthalle wechselte) übernommen. Auf das Gelände der Zeche Zollverein wollte der Sammler dann doch nicht. Also erwarb Olbricht ein größeres Grundstück auf der Auguststraße 68 in Berlin-Mitte, gleich neben den Kunst-Werken (KW).

 

Aus der Traum für Essen. Das Votum gegen Essen sei zustande gekommen, “weil die Entscheidungsträger dort nix von Kunst verstehen”, lässt sich jetzt Wolfgang Schoppmann vernehmen. “Mehr sage ich nicht.” Schoppmann, in Gelsenkirchen großgeworden, war jahrelang Auktionator und Galerist in Essen (Galerie 20.21). Er ist seit über 17 Jahren Freund, Vertrauter sowie Kunstberater von Thomas Olbricht und wurde von dem Sammler auch beauftragt, die erste Ausstellung (”Passion Fruits”) in den neuen Berliner Räumen zu kuratieren. Eröffnung war am 30. April, parallel zum Gallery Weekend (30.4. bis 2.5.210).

 

“me” (engl. “meins”) leuchtet es in rotem Neonlichtschrift von der weißen Hausfassade. Aber der Sammler meint es nicht possessiv, sondern eher obsessiv: “moving energies”. Man könnte es auch mit “meine Entscheidung” übersetzen. Im Olbricht-Bau auf der Auguststraße haben zehn Luxus-Wohnungen Platz. Der Sammler selbst ist noch unsicher, ob er nach Berlin ziehen will.

 

Im Parterre ist eine Kunsthalle mit zwei großen hallenartigen Ausstellungssälen entstanden, dazu ein Foyer mit Bookshop und Café. Im ersten Obergeschoss befindet sich eine Lounge und die “Wunderkammer”, was zusammen rund 1300 Quadratmeter ausmacht.

 

Im Kabinett wird auf rund 200 Quadratmetern die “Wunderkammer” fest installiert und die Herzkammer der Olbricht Collection. Die war schon in Essen der Nukleus von “Rockers Island”.

 

 

21.06.2011 10:02 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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