"Das Spiel wird in Verlängerung gehen"

Helge Achenbach über Kunst und Geld und die Zeit danach

Licht am Ende des Tunnels. Zehn Jahre Haft drohen Helge Achenbach


Wie die Staatsanwaltschaft Essen mitteilt, wird es doch zur Anklage wegen Betrugs gegen den Düsseldorfer Art Consulter Helge Achenbach kommen. Es kann allerdings bis zum Jahresende dauern, bis die Klageschrift bei Gericht eingereicht wird. Dann erst wird sich der Nebel, der über dem Fall liegt legen und die Gerüchteküche abkühlen. Bis dahin wird sich die ermittelnde Staatsanwaltschaft weiter in Schweigen hüllen, die Stäbe der Anwälte ebenso und die Presse darf weiter munkeln und vermuten.

Auf einem anderen Blatt steht, wann der 62jährige Familienvater Achenbach aus der U-Halft entlassen wird. Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin von Verdunklungsgefahr aus. Doch welche Beweise sollte Achenbach noch beiseite schaffen können, neun Wochen und vier Durchsuchungen nach der Festnahme? Drei Unternehmen, an denen Achenbach beteiligt ist, mussten bereits Insolvenz beantragen. Nun liess die Staatsanwaltschaft wissen, Achenbach drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

 

Die Ermittlungen laufen indes weiter, gesucht wird nach weiteren Geschädigten. Zudem versucht die Justiz herauszubekommen, wo das Geld, das Achenbach aus den Verkäufen an Berthold Albrecht inklusive Provisionen zog - grob geschätzt rund 25 Millionen Euro in knapp vier Jahren – geblieben ist.

 

Wieviel Geld Achenbach tatsächlich zu viel einstrich, ist allerdings umstritten. "Knapp 20 Millionen Euro soll Achenbach nach Schätzungen von Albrecht zu viel kassiert haben, indem er die Einkaufspreise für von ihm ermittelte Kunstwerke und Oldtimer als zu hoch ansetzte, berichtet jetzt beispielsweise die Rheinische Post. Dann läge der Gegenwert der verkauften Bilder und Oldtimer bei nahezu Null.

 

Wie ein Justizsprecher jetzt sagt, war "...die mögliche Rücknahme der Kunstwerke und Autos nur mündlich vereinbart". Erst auf Drängen der Albrecht Witwe habe Achenbach dies auch schriftlich bestätigt. "Erst als Berthold Albrecht gestorben war, bestätigte Herr Achenbach die Rücknahmegarantie gegenüber der Witwe Babette Albrecht in einem Brief." Ob erst mündlich und später schriftlich, Achenbach jedenfalls hält an seiner Zusage fest. Der Betrug kann sich nur auf die Provisionen bezeihen. Auf den Betrugsvorwurf stützt die Staatsanwaltschaft ihre Anklage.

 

Im Hause Albrecht war schon bei der Vermögensaufstellung bald nach Berthold Albrechts Tod am 21. November 2012 aufgefallen, dass viele Kunstwerke und Autos teuer eingekauft worden waren, teurer jedenfalls, als sie aktuell auf dem Markt wert schienen. Eine Einsicht, mit der es Erben schon mal zu tun bekommen. Aber längst kein Grund die Staatsanwaltschaft zu bemühen. Es kann sich daher nicht eigentlich um überhöhte Kaufpreise handeln, sondern nur um die darauf anteilig berechneten Provisionen.

 

Weil Achenbach ein guter Bekannter der Familie war und öffentlicher Streit ohnehin nicht dem Stil der Aldi-Familie entspricht, unterblieben kritische Nachfragen zunächst.

 

Das änderte sich erst, als aus dem Kreis der Berenberg-Bank ein Hinweis auf dubiose Praktiken von Achenbach kam. Die Privatbank hatte sich mit Achenbach überworfen , den „Berenberg Art Advice“-Kunstfonds kurzerhand geschlossen und die Partnerschaft beendet. Es war herausgekommen, dass Achenbach über den Berenberg Kunstfonds (Näheres s.u.) dem Milliardenerben Christian Boehringer Kunstwerke rund eine Million Euro zu teuer vermittelt hatte. Erst nach gehörigem Streit zahlte Achenbach das Geld zurück.

 

Als Babette Albrecht von dem Vorfall erfuhr, fragte sie Achenbach nach einigen früheren Rechnungen ihres Mannes, woraufhin ihr Achenbach  im November 2013 eine Rückgabegarantie für die Objekte gab.

 

Achenbachs Sprecher hält dagegen, Albrecht und Achenbach hätten verabredet, die Preise zu hoch anzusetzen, damit Babette Albrecht von sehr hohen Vermittlungsprovisionen nichts erfuhr. Zumindest die Staatsanwaltschaft halten von dieser Behauptung wenig und lassen Achenbach weiter in Untersuchungshaft.

 

 

Verdunklungsgefahr?

 

Es gilt die Unschuldsvermutung. Na klar. Sie gilt schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts und steht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in der Europäischen Menschenrechtskonvention wie im Deutschen Grundgesetz. Was hilfst, wenn einer wie Helge Achenbach seit bald neun Wochen im Untersuchungsgefängnis sitzt, der Beklagte wie die Klägerin wie auch deren in Bataillonsstärke aufmarschierten Anwälte schweigen und die ermittelnde Staatsanwaltschaft Essen auch nichts sagt, den prominenten Gefangenen aber auch nach Wochen nicht frei läßt.


„Verdunklungsgefahr“, nennt Oberstaatsanwältin Anette Milk als Grund für den nächtlichen Zugriff, Pfingstmontag auf dem Düsseldorfer Flughafen. Es war der Tag, da das Sturmtiefs „Ela“ über das Rheinland fegte. Bisheriger Schaden 650 Millionen Euro. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Wann es zur Anklage kommt, ob es überhaupt zur Anklage kommen wird, steht in den Sternen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, und das, so dürfen wir vermuten, ziemlich emsig. Mehrfach wurden bereits Wohnhaus, Büro- und Lagerräume von Achenbach durchsucht. Aber wurde auch was gefunden? Niemand weiß bislang, wie dünn die Beweislage ist und ob die Staatsanwaltschaft Essen gegen den prominenten Kunsthändler aus der Landeshauptstadt etwa einen Schnellschuß losließ, oder tatsächlich etwas in der Hand hat. Viel zu spektakulär nimmt sich der Fall aus: Aldi-Erbin gegen Kunstberater Helge Achenbach, als daß man auf das Ergebnis der Ermittlungen oder gar den Przoßessbeginn warten möchte. Ja mehr und länger geschwiegen wird, desto höher kocht die Gerüchteküche. Nach Beltracchi und Gurlitt hat der Fall Achenbach das Zeug zum dritten spektakulären Kunstfall in nur drei Jahren zu werden. Alle drei haben ihre Schauplätze mehr oder weniger im Rheinland, in allen drei Fällen spielt der Kunsthandel eine führende Rolle. Zumindest bei den ersten beiden juristisch inzwischen abgehandelten Fällen spielte die Staatsanwaltschaft eine klägliche, eine überforderte Rolle. Was steht im Fall Achenbach zu erwarten?

 

Ach, Achenbach

 

Du hast es lange gut gemacht

Mit Ach und Krach

Und Auf und Ab.

Kunst und Glamour

Hast Du zur Glunst gemacht

Und sonst viel vorgebracht.

Nun nimmt doch alles seinen Lauf

Hinab den Bach.

Discount dem Helge Achenbach!

 

Wie auch immer die Sache ausgehen wird, der Kunstmarkt steht einmal mehr am Pranger und insbesondere der Stand der Kunsthändler und Kunstberater. Denn mit Helge Achenbach, 62, sitzt der in Deutschland größte und erfolgreichste dieser Art-Consultants jetzt in U-Haft. Er hat den Beruf einst erfunden, als er mit seiner Galerie nicht mehr weiter wußte. Achenbach ist der bestvernetzte seiner Spezies, ein international agierender Tycoon der Branche, Netzwerker, Mäzen und "Buddy" von Künstlern wie Andreas Gursky, Gerhard Richter, Jörg Immendorff oder auch Ex Kanzler Gerhard Schröder, ist Entrepreneur und Hasadeur, Kunstliebhaber und Künstlerfreund, großzügig wie geschäftstüchtig und immer für eine Überraschung gut.


Seine Makel und Schwächen sind Teil seines Erfolgs. Doch das steht nicht zur Anklage. Die Frage ist, um wie viel krimineller er gehandelt hat, als man es der Branche ohnehin zutraut. Vor über zehn Jahren hat er die „Sammlung Rheingold“ ins Leben gerufen, ein geschlossener Kunstfonds, den er leitet und in dem er sich selbst als Sammler zeitgenössischer Kunst hervortut. Als er mit der Berenberg Bank vor zwei Jahren einen weiteren Kunstfonds auflegte, wurde das zur blamablen Bauchlandung. Noch im vergangenen ahr lud die Fundación Helge Achenbach und die Sammlung Rheingold zur der 7. Lanzarote Art Biennale u.a. Günther Ücker, Tony Cragg und Thomas Struth. Achenbach besitzt auf der sonnigen Insel eine Ferienvilla. Einer seiner jüngsten Coups war der langjährige Sponsorship-Deal zwischen Volkswagen und dem New Yorker MoMA. Doch ist VW wegen der laufenden Ermittlungen auf Distanz zu Achenbach gegangen. Überraschend erhielt er den Auftrag, das deutsche WM-Quartier Campo Bahia mit Kunst auszustatten, Andreas Gursky und einiger seiner Künstlerfreunde reisten für einigen Wochen nach Brasilien, während zu Hause in Düsseldorf die Aldi-Altlast hochkochte. Erbin Babette hatte bereits im April Strafanzeige gegen Achenbach eingereicht. Betrug in Millionenhöhe lautet der Vorwurf. Auch das kein Pappenstiel. 


"Er soll einem Unternehmer, der Kunstobjekte und Oldtimer als Geldanlagen kaufen wollte, die von ihm (Achenbach) beschafften Objekte unter Vorspiegelung von höheren Einkaufspreisen als tatsächlich verausgabt weitergegeben haben" – so drückt es die Staatsanwaltschaft Essen aus und schickte prompt die Einsatzkräfte zum Düsseldorfer Flughafen.


Bei dem Unternehmer handelt es sich um Berthold Albrecht, der im Dezember 2012 im Alter von 58 Jahren an den Folgen eines Unfalls gestorben war. Berthold war einer von zwei Söhnen des Aldi Gründers Theo Albrecht. Geschätztes Vermögen des Aldi-Nord Prinzipals 18 Milliarden Euro. Als sich seine Witwe Babette im Zuge der Auseinandersetzungen über die Höhe der zu zahlenden Erbschaftssteuer nun über die Taxierung der Kunstwerke und Oldtimer ihres verstorbenen Mannes wunderte, kam es zur Anklage gegen Achenbach. Laut Strafanzeige soll für die Familie Albrecht ein Schaden von 18 Millionen Euro entstanden sein. Achenbach hatte allein an Albrecht eine ganze Reihe von Gemälden der oberen Preisklasse (Picasso, Kokoschka, Richter) verkauft und dazu für rund 70 Millionen Euro Oldtimer, die dem Aldi-Erben bis zu knapp zehn Millionen Euro pro Stück wert waren. 
Bei den Verkäufen soll er, so die Staatsanwaltschaft, in einigen Fällen die Rechnungen gefälscht haben. Der Picasso sei beispielsweise von einem Preis von 3,5 Millionen Dollar auf 5,5 Millionen angehoben worden - allerdings in Euro. Entsprechend lies sich die Provision steigern. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt nun auch wegen Urkundenfälschung. 

 

Au Backe. Helge Achenbach, nachdenklich


Die Sprecherin der Achenbach Kunstberatung GmbH antwortet auf Fragen der ZEIT mit einer Presseerklärung der Familie: "Die von Frau Babette Albrecht erhobenen Behauptungen beruhen offenbar auf rein persönlichen Motiven. Es ist hinlänglich bekannt, dass Herrn Achenbach und Herrn Berthold Albrecht bis zu dessen Tode eine engere freundschaftliche Beziehung verband. Herr Achenbach ist zuversichtlich, dass sich bei der weiteren Sachaufklärung herausstellen wird, dass die von Frau Babette Albrecht erhobenen Vorwürfe unberechtigt sind und Herr Achenbach Herrn Berthold Albrecht keinerlei Schaden zugefügt hat." Dem widerspricht die Familie des Inhaftierten.


In Absprache mit ihrem Anwalt Thomas Elsner ließ Achenbachs Ehefrau Dorothee Achenbach, selbst langjährige Mitarbeiterin der Rheinischen Post, eine Stellungnahme verbreiten, die die Sache in wiederum ganz anderem Licht erscheinen läßt: "Grundlage der Geschäfte zwischen Berthold Albrecht und Helge Achenbach waren im Wesentlichen mündliche Vereinbarungen. In einigen wenigen Fällen wurden Schriftstücke auf Wunsch von Berthold so angefertigt, dass die in die Verhandlungen nicht involvierte Ehefrau über den Umfang der mit Helge vereinbarten Vergütung im Unklaren blieb. Berthold Albrecht hatte kein Interesse, seiner Ehefrau einen näheren Einblick zu geben. Eine Manipulation von Originalrechnungen hat nicht stattgefunden."



Eifersucht, Sammlerwahn, Millonenerbe, Sonneninsel Lanzarote und mittendrin Helge Achenbach in seiner Essener Zelle. Der Fall Aldi-Achenbach hat schon jetzt das Zeug zum Doku-Drama über die Kunstszene des Rheinlands und weit drüber hinaus, lange bevor der Prozeß überhaupt eröffnet wird. Wir bleiben gespannt auf die nächsten Enthüllung und können noch viele weitere spannende Episoden versprechen. Die Unschuldsvermutung galt für Helge Achenbach ohnehin nur bedingt.

C.F. Schröer

 

eiskellerberg.tv traf Helge Achenbach 2012 in seinem Büro in Düsseldorf-Oberkassel.

 

Interview: Carl Friedrich Schröer

Kamera & Montage: Thom de Bock



 

 

Der Juwelenfischer 

Ein Märchen aus besseren Zeiten


Helge der Achenbach ist wahrlich kein Zwerg, kein Alberich aus der Sage vom Rheingold. Sein Handeln erwächst nicht aus dem Neidspiel, bei dem der Stärkere den Schwächeren besiegt und dessen Habe als Beute behält. Nein, Helge ist ein sanfter Riese, der weit über allem steht, über den Neid ist er erhaben, weil er seit bald vierzig Jahren sein Herz mit Kunst nährt.


Nein, es waren auch nicht die Rheintöchter, die Helge arglos von dem Gold im Rhein erzählten. Die Idee kam dem Unentwegten, in mancherlei Abenteuern gereiften Kunstagenten und Kunstmagnaten von ganz allein. Als auf einmal alles nach Berlin zog, in die neue deutsche Kunsthauptstadt, Künstler voran, Galeristen, Sammler, der gesamte Tross hinterdrein, da stellte sich Helge tapfer dem Sog entgegen, der besonders das Rheinland an den Rand der Austrocknung brachte. Und selbst der alte Rhein hätte sich wahrscheinlich ein neues Bett ganz in der Nähe von Berlin gesucht, wenn sich da nicht der kühne Achenbach aufgemacht hätte, "Rheingold“ ins Leben zu rufen.

 

Es war in Riehen am Oberrhein, da der Schweizer Edelgalerist Ernst Beyeler seine Sammlung Klassischer Moderne in eine Foundation eingebrachte und dazu ein lichtdurchflutetes Schauhaus in den Rheinauen gründete, dass alle Welt ins Staunen geriet. Da kam auch Helge ins Staunen und Grübeln.

 

Um dem Rheinland endlich wieder Auftrieb zu geben und für eine Art Gegensog zu sorgen, schien ihm die Neugründung einer kapitalen Kunstsammlung gerade recht. Der Siegerländer, 1952 in Weidenau geboren, im Jünglingsalter nach Düsseldorf verschlagen, verfiel auf den sagenhaften wie provokanten Namen „Rheingold“. Ein Zeichen wollte er setzen, ein Fanal gegen den Niedergang der einst reichen Kunstlandschaft und ein Notruf zugleich an die entgeisterte Gemeinde: "Seht her. Das Gold im Rhein ist heute die Gegenwartskunst!"

 

Mit Ernst dem Beyeler sich messen? Der war früh mit den Künstlern der Avantgarde im Bunde und dabei reich geworden. Entsprechend konnte die Losung für „Rheingold“ nur lauten: Eine Sammlung der heute schaffenden Künstler gründen, zumal der im Rheinland ansässigen. Der Nabel der Kunst, so die alte Weisheit, liegt nach wie vor hier, ja wo das meiste Geld für sie flüssig gemacht wird.

 

Alberich, zunächst von der natürlichen Schönheit des Rheingolds beeindruckt, fragte dann doch nach dem merkantilen Wert des unter Wasser schimmernden Schatzes. So holte auch Helge Händler zur Hilfe, vier Viehof Brüder, Bernd, Eugen, Klaus und Michael und Hedda im Brahm-Droege. Die schlossen einen Pakt. Um das "Rheingold“ zu bergen, schworen sie sich auf zwanzig Jahre die Treue. Wie schlugen die Wellen da hoch als die Kunde von diesem Bündnis die Runde machte. Da war viel frisches Geld im Spiel und viel Spekulation, dazu ein gehöriges Maß an Kennerschaft und bestens gepflegte Kontakte in die  ausblutenden rheinische Kunstszene. "Rheingold" sollte die folgenreichste Gründung der letzten Dekade werden. Nicht zuletzt, weil Helge selbst, der Initiator und geschäftsführende Gesellschafter, all sein kunstpolitisches Gewitz, all seine profunden Einblicke ins Betriebsystem Kunst und selbstredend seine immerglühende, unstillbare Liebe zur Kunst einbrachte, um wenigstens dieses Unternehmen zum Sieg zu führen.

 

Eine Sammlung, ein Bündnis, eine IG Kunst?

 

1000 Werke umfasst die Sammlung heute. Und doch ist "Rheingold" viel mehr als eine Sammlung – ist ein Zusammenschluß erst von sieben, nun von sechs „Freunden“, mithin ein Bund und Bündnis, ein Kunstfonds, eine Interessengemeinschaft mit Gewinnabsicht. Oder eine neue Art Kunstverein?

Ohne eigenes, kostspieliges Ausstellungshaus, dafür mit vier, fünf Vertragshäusern in Köln, Düsseldorf, Siegen und Mönchengladbach und zusätzlich Schloß Dyck als barocker Spielstätte. Ohne Vorstand, ohne Direktor, die ausgereifte Spürnase Achenbachs reicht. Ohne lästiges Vereinsstatut und ohne Gemeinnützigkeit, dafür mit großer Öffentlichkeitswirkung und kunstkennerischer Durchschlagskraft. Ohne Subventionen, dafür auf öffentlich ausgestattete Museen, Kunsthallen und Kunsthäuser zurückgreifend. Denn es gilt, die schnell wachsende Privatsammlung zu immer neuen Gelegenheiten und in immer neuen Zusammenhängen öffentlich zu präsentieren, "frisch" zu halten, wie es im Szenejargon heißt. Der Tod jeder Sammlung ist nun mal das Depot.

 

"Rheingold" - ein Kunstverein neuen Stils: sechs Mitgleider, schlank in der Organisationsstruktur, mächtig im Auftreten; kurze Wege, große Wirkung.

 

Halbzeit mit Juwelencheck


Zur Halbzeit kommt es in allen vier Vertragshäusern und dem Wasserschloß Dyck zu gewiss unterschiedlichen, parallel laufenden Jubiläumsausstellungen. Im Betonkubus der Düsseldorfer Kunsthalle werden die „Juwelen“ präsentiert. Eine Kunstschau der Prunkstücke, der 100 "high lights", der Knaller von Carl Andre bis Rosemarie Trockel, von Joseph Beuys bis Peter Piller, James Lee Byars bis Andy Hope 30, Marcel Broothaers bis Hansjoerg Dobliar, von Sigmar Polke zu André Butzer. Da bleibt kein Auge trocken. 


Doch was macht diese Jubiläums-Juwelenschau, diese Sichere-Werte-Sammlung eigentlich in der Düsseldorfer Kunsthalle? Abgesehen von dieser Frage, stammt gut ein Drittel der ausgestellen 100 Prunkstücke aus der Sammlung Reiner Speck. Mit dem Ankauf der Sammlung des Kölner Arztes und Bibliophilen gelang Rheingold 2008 so etwas wie ein Coup. Endlich konnte zumindest das Gros einer der bedeutendsten rheinischen Sammlungen vor der Auflösung, oder gar dem Abzug nach Berlin bewahrt und für das Rheinland „gerettet“ werden. Zudem ergänzen sich beide Sammlungen hervorragend. Während Speck nach einem ausgeprägt literarisch motiviertem Gusto sammelte, geht Achenbach die Sache breiter an. Doch gehören die rund 300 Werke der Sammlung Speck nicht etwa „Rheingold“, sondern den vier Viehof Brüdern. Sie haben diese der Sammlung Rheingold „angegliedert“, wie es im Katalog zur Halbzeitbilanz heißt. Was auch immer das heißen mag. Sehen wir in der Kunsthalle also eine, zwei oder gar sechs Privatsammlungen unter dem Dach und Deckmantel „Rheingold“? Und was haben die best friends von „Rheingold“, von denen nicht mal ein gemeinsames Foto veröffentlicht wird, vor, wenn in zehn Jahren die vereinbarte Bindung entfällt? Wer welches Juwel besitzt? Wie viel Geld bisher investiert wurde? Um wieviel es sich am Ende verzinst haben soll? – Kein Kommentar in der Halbzeitpause.

 

Wir dürfen gespannt bleiben: Die zweite Spielzeit aht begonnen, schon wird eine Verlängerung in Aussicht gestellt. Da bleibt noch viel zu retten, auszustellen, zu gewinnen, zu fördern und zu feiern. Bis der Ring richtig rund ist.


Helge Achenbach denkt indes längst ans nächste Stück. Mit dem Erfolg von „Rheingold“ im Rücken, traut er sich im Bund mit Raymund Scheffler, dem Düsseldorfer Niederlassungsleiter der Privatbank Berenberg und Stefan Horsthemke zu einer neuen Unternehmung: „Berenberg Art Advice“, so ihr prosaischer Name, wird einen geschlossenen Investment-Fonds auflegen, der seinen Gewinn mit dem An- und Verkauf von Gegenwartskunst erzielen soll. So zwischen 8 und 12,5 Prozent Rendite sollen es denn werden. Es gibt überhaupt erst einen Kunstfonds dieser Klasse in London. Der in Düsseldorf soll noch größer werden, kapitaler. Die aufgerufene Fondssumme beläuft sich auf immerhin 100.000.000 Euro. Auch nicht schlecht.



C.F.Schröer

 

 

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20.11.2014 19:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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